Die alte Dietlin, Frau Zäcilia Hackl, Besitzerin des Dietlguts, hatte drei Kinder. Im November 1879 geschah es, dass sich der Bub und das Mädel auf den Weg zur Gamsjagd machten. Bei Schnee und Kälte stapften die beiden los. Plötzlich gab der Schnee unter dem Tritt des Buben nach und er stürzte in die Tiefe. Der Bub überlebte wohl, konnte aber nicht aufstehen und lag hilflos im kalten Schnee. Da kletterte seine Schwester zu ihm hinunter und überließ ihm sämtliche warmen Sachen, die sie an sich hatte. Sie erreichte laut Familienchronik das Dietlgut „nur mit dem Pfoadl“ bekleidet, um Hilfe für ihren Bruder zu holen. Die Mutter veranlasste, dass Knechte nach ihrem einzigen Sohn suchten.
In ihrer Not tat Zäcilia Hackl ein Gelübde. Sollte ihr Sohn gerettet werden, würde sie eine Kapelle errichten. Es dauerte noch Stunden, eher der Bub endlich gefunden wurde und ins Dietlgut geschafft werden konnte. Beide Kinder waren gerettet.
Bereits drei Jahre später, 1882, konnte die zu Ehren der Himmelskönigin errichtete Dietlgut-Kapelle geweiht werden. Die für eine Kapelle doch ansehnliche Größe resultiert aus der Vorgabe, die ganzen Dietlfamilie inklusive Angestellter und Gesinde aufnehmen zu können. Der sakrale Raum wird von der Familie für Hochzeiten und Taufen genutzt, steht aber auch der Allgemeinheit zur Andacht zur Verfügung. Gelegentlich unterbricht die eine oder andere Kammermusik- oder Literaturveranstaltung der Kulturinitiative Hinterstoder die beschauliche Stille der Dietlkapelle.
Zum Innenraum der Dietlkapelle:
Der ursprüngliche Kirchenraum wurde von einem neugotischen Altar dominiert, der dem religiösen Verständnis der heutigen Zeit nicht mehr gerecht wurde. Aus diesem Grund entschloss man sich Mitte der 90er-Jahre zur Neugestaltung des Innenraumes, die man mit einer Generalsanierung des gesamten Gebäudes verband.
Das künstlerische Konzept für die Erneuerung kam vom Künstlerehepaar Alois und Christine Bauer, die aus Materialien der nächsten Umgebung die einzelnen Einrichtungsobjekte schufen. Die Form, die Proportionen zum Raum und die Naturbelassenheit der Objekte sollen Kraft und Schlichtheit, Einheit und Ruhe ausstrahlen.
Christine Bauer setzte schwarze Erde als künstlerisches Ausdrucksmittel ein, die sie dem Boden neben der Kirche entnahm. Aus dieser Erde entstand das Kreuz, indem sie die Verschiedenfarbigkeit des Erdmaterials auszunutzen verstand. Daraus schuf sie Farbkompositionen, die – kraftvoll in ihrer Aussage – dennoch harmonisch auf unser Auge wirken. Sie lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die Schönheit und Farbenvielfalt der Erdscholle. Wir sind aus dieser Erde, wir leben von und auf dieser Erde und wir gehen in diese Erde wieder zurück. Diese Verbundenheit soll hier symbolisch zum Ausdruck gebracht werden. Das stilisierte Kreuz auf der Stirnseite erinnert aber auch an die Gründungsgeschichte. In ihm mag der Betrachter das rettende „Pfoadl“ erkennen, das dem Mädel gerade genug Schutz gab, um sein Zuhause zu erreichen.
Alois Bauer entwickelt dynamische Kunstwerke aus schlichten Eisenteilen, die in ihrer Proportionalität überzeugen. In ihrer Schlichtheit und Zweckmäßigkeit treffen sie den Kern. Er beeinflusste weitgehend die Gestaltung des Podiums und ist Schöpfer des Altartisches. Das von ihm eingesetzte Material Eisen erhält einen besonderen Stellenwert, ist doch dieser Landstrich durch die Jahrhunderte von der eisenverarbeitenden Industrie geprägt worden. Sensenschmiede und Feilenschmiede und der Name der Region „Pyhrn-Eisenwurzen“ unterstreicht die Bedeutung dieses Metalls.
Die Tischplatte des Altars wurde aus Holz gefertigt. Eine grobe, alte Holzbohle, einem Fluter (Teil einer Flusswehr) entnommen. Holz war schon immer das Material dieser waldreichen Gegend – die Holzbringung schuf Lebensunterhalt für viele in diesem Tal.
Erde – Eisen – Holz – nicht mehr und nicht weniger waren Garant für eine gewisse Wohlhabenheit in dieser Region. Sie bildeten die Basis für die Ernährung der Familien. Das Kreuz, das wir tragen, das uns Kraft und Trost bedeutet. Die Erdscholle, die uns nährt. Der Tisch aus Eisen und Holz – die Fundamente, auf die wir bauen. Die tragenden Elemente, auf denen einmal die Bibel oder der Kelch steht, ein andermal das Buch eines Schriftstellers ruht. Diese symbolträchtigen Materialien schließen sich hier zu einem einzigartigen Kunstwerk zusammen.
Nur das Licht in der Apsis taucht diese Schlichtheit in eine andere Welt. Die mundgeblasenen, farbigen Fenstergläser heben den Altarbereich vom übrigen Kirchenraum ab. In der Gotik spielte die Lichtgebung im Kirchenraum eine große Bedeutung – um dieses Wissen geht es auch hier. Es galt, einen Raum zur geistigen Sammlung zu schaffen, zur Selbstfindung und Bewusstwerdung der Erdverbundenheit und Stille, einen Raum, der einlädt, nach dem Gehetze des Alltags in Ruhe innezuhalten.
Die Dietlkapelle, am Hügel des Ostrawitz Bachs gelegen, bietet einen idealen Raum für stimmungsvolle Gottesdienste, ist ideal für Kammermusik und Lesungen bei Kerzenschein und lädt zum Innehalten ein.




